
Wenn die Katze krank ist.
Alle bewegen sich vorsichtig und machen möglichst wenig Wind und Wirbel, denn Jane ist krank. Sie hat seltsame, neurologische Ausfälle/Anfälle, nach dem großen Check in der Tierklinik warten wir nun noch auf die Ergebnisse der Liquoruntersuchung. Mein Seelenkätzchen. Ich passe auf dich auf, ich achte auf dich, ich werde so gut ich kann tun, was am besten für dich ist.

Mein Vater, das Friesensofa und ich.
Manchmal gibt es so kleine Momente. Nischen. Da sitze ich bei meinem Vater auf dem Sofa und wir unterhalten uns über ganz banale Dinge, Zahnarzt und Zeitungen, seinen Plan, morgen oder übermorgen einen Drucker zu kaufen, um wieder über die Flucht zu schreiben (ok, vergesst das „banal“ ;)), Familie, Freunde, Sprachen, die Kinder (natürlich), unsere geplanten Reisen (er Kreuzfahrt (Containerschiff darf er nicht mehr, die haben Altersgrenzen), ich Rucksack) und auf einmal denke ich, dass ich ihn ganz fürchterlich lieb habe. Wie viele Leute wissen, was für großartige alte Menschen um uns herum leben? Da sitze ich auf seinem ziemlich neuen Friesensofa und sehe die lieben alten Bücher, unter denen schon mein Stubenwagen stand (unter den Penguin Ausgaben, daher liebe ich die englische Literatur so), das Küchenbuffet meiner Oma mütterlicherseits aus Ettenheim, den Kalender mit den Kinderfotos an der Wand, das Foto meiner Mutter, wie sie (ganz Hagazussa) auf irgendeinem Zaun sitzt und staune. Das ist das Jetzt des Jungen, der aus Żytkiejmy fliehen musste, mit einem Rucksack voller Leberwurstbrote und seinem Robinson Crusoe. Es ist nicht immer so sichtbar, aber all das ist ganz wichtig für uns, und unsere gemeinsame Ostpreußenreise ist es auch.

Aufgetaut.
Aufgetaut ist alles, riecht nach Nässe und Vorfrühling. Amseln picken glücklich in der Wiese, und die kleinen Büsche, die unter der gefrorenen Schneelast gebeugt waren, strecken sich.

beseelte Dinge?
Vor gut 4 Jahren habe ich ein MacBookPro geschenkt bekommen. Als es ungefähr eine Woche alt war, sprang ein Kater so geschickt auf eine vorstehende Ecke, dass es einen Salto auf die Steinfliesen machte. Außer einer eingedellten rechten unteren Ecke ist nichts passiert, so dass ich seitdem erstens darauf achtete, nie wieder irgendwas überstehen zu lassen und zweitens das Gerät für unzerstörbar gehalten haben muss. Als es nämlich vorgestern Abend von einer Sekunde zur anderen jedes Funktionieren einstellte, war ich richtig platt. Bass erstaunt. (Lustig: Es passierte, als ich wegen einer wirklich blöden, ärgerlichen, empörenden Sache auf dem Bildschirm gerade etwas aus der façon geriet.) Als erster Impuls kam „hin ist hin, wie kaufst du dir am besten ein neues?“ aber dann habe ich es gestern Morgen eingepackt und in den Computersecondhandundreparaturladen im Örtchen gebracht. Dort wurde erstmal versucht, es anzustreicheln, was ich ganz rührend fand, weil ich das am Abend zuvor auch schon versucht hatte. Und dann haben sie es wirklich geschafft, bis heute Nachmittag nicht nur alles wieder ans Laufen zu kriegen, sondern auch von der sich auflösenden Festplatte fast alles Wichtige rüberzuretten. Und teuer war es auch nicht. Ich finde, eine soll nicht den Dingen anhaften. Solange sie allerdings in dieser materiellen Welt mit diesen Dingen lebt, ist es sehr sinnvoll, zu erkennen, dass auch diese beseelt sind und dass es wenig Sinn macht, den Müllberg unnütz zu erhöhen.
Ansonsten war ein weiterer wunderbar klarkalter Wintertag, und nun zieht von Westen Eisregen heran. Also Regen zieht heran, und er wird auf dem eisigen Boden gefrieren. Morgen bleiben wir drin oder gehen zu Fuß. Schade ist, dass die gefrorenen überfluteten Wiesen auftauen werden, ebenso die Teiche, auf denen wir spazierengehen konnten.
Und extratraurig macht mich, dass mein Lieblingsonkel sich mit 92 Jahren den Oberschenkelhals gebrochen hat. In dem Zusammenhang: Luisa Francias neues Buch übers Alter(n) ist sehr gut geworden.
Und zum Freuen: Hallo, Anna, ich habe unser Auto für Portugal gebucht 🙂
Leselink
Kirsten Armbruster:
Weder das Christentum, der Islam noch das Judentum gehören in eine Moderne Welt
Weil mir gerade die ganzen Bildchen im www auf den Senkel gehen, wo ein Jude, ein Christ und ein Moslem am Tisch sitzen und sich verbrüdern oder wo eine Nonne, eine Jüdin und eine Muslimin, alle sehr traditionell gewandet, symbolisieren sollen, dass doch alles kein Problem sei.

Schnee!
Recken, strecken, weiter geht’s.
Jetzt war ich wirklich ein paar Tage lang verstummt. Diese Bürgerwehreuphorie, die durchs Internet tobt, ist erschreckend. Wenn eine dann noch versucht, hier und da zu diskutieren und sich verfängt zwischen den Scheinargumenten der Dummeln* auf der einen Seite und den eloquent vorgebrachten, eleganten und intellektuellen Bedenken, deren verbale Ausarbeitung allein schon jede tatsächliche Handlung verhindert und die alles ausweglos erscheinen lassen, macht das stumm und bewegungsunfähig. Zum Glück bin ich aber nicht alleine und habe somit nicht die Chance, in Stagnation zu verharren. Und dann gibt es wieder Begegnungen, bei denen auf einmal jemand, der gar nicht so aussieht, mit dem eine gar nichts zu tun hatte bisher, einen Satz sagt, der aufweckt, der zeigt, da ist noch eine(r), es geht doch weiter, Kästner hat doch Recht, wenn er sagt „Die Gescheiten werden nicht alle, so unwahrscheinlich das klingt.“ Also: schütteln, Achseln zucken, Schultern küssen, rufen, an die Huna Prinzipien denken, singen, Sinne wecken – Katzen streicheln, am Lavendelkissen schnuppern, Haare in den Wind halten, dem Feuer zuhören, etwas Gutes kochen.
*)

…
später Abend
Nach weiterem Eisregen kam dann endlich Schnee. Morgen soll es wärmer werden, deshalb nutzen wir den Abend. Es ist ganz still. Die Eiskrusten an den Haselkätzchen tauen und tropfen. „Knirsch“ sagt es bei jedem Schritt. Frieden.


