Geduld…

Diese Grippe ist eine richtige Geduldsprobe. Tag 13 ist heute. Ich habe es eben geschafft, ein Weilchen im Garten in der Sonne zu sitzen, der Sturm hat nämlich endlich aufgehört und es war eine Weile schön warm. Jetzt erhole ich mich davon auf dem Sofa mit Kirschkernkissen und Katze. Gestern habe ich wieder einmal die Frau Jenny Treibel gelesen und gehört (librivox, gelesen von Hans Hafen, ein Genuss). Was für ein köstliches Buch, immer wieder. Außerdem habe ich mehrere Staffeln „Löwenzahn“ mit Peter Lustig auf youtube angeschaut. Ein bißchen geschrieben, eine Collage geklebt (das war schon sehr anstrengend). Und draußen blüht allmählich alles, die Mirabelle, die Blutpflaume, die Forsythie.

post flu

Ich hatte die Grippe und war 10 Tage lang wie aus der Welt genommen. Was mir gut getan hat, der Welt vielleicht auch. Sie könnte viel mehr herausgenommene und innehaltende Menschen sicher gut vertragen. Ich hatte, nachdem die Schmerzen und das hohe Fieber vergangen waren, das klare Gefühl einer Gelegenheit, die ich nutzen kann und will. Eine Hier und Jetzt Blase, in der nichts zum Ablenken war. Besinnen. Sein. Atmen. Träumen. Das, was ich tun konnte (wenig war es, ab und zu, so ab dem 5. Tag ein Wort schreiben, ein paar Zeilen lesen, immer wieder einschlafend ein bißchen meditieren), ganz tun, ohne ständig den Kopf nach anderen Aktivitäten zu drehen. Fragen und Ahnungen stellten sich ein. 

War wirklich meine Hauptaktivität in den letzten Monaten die auf Facebook? Mich darüber aufzuregen, was wildfremde Menschen an Blödsinn ins Internet schreiben und mich mit ihnen darüber zu streiten? (Nein, war es nicht, ich habe schließlich zuhause auch gelebt, ich habe gearbeitet, ich habe gelesen, aber: Es war ein großer Anteil meiner Freizeit, der bei Facebook versickert ist.) Will ich direkt wieder, sobald ich wieder aufrecht stehen kann, losrasen und ein mehrtägiges Projekt bei der Arbeit stemmen, nur weil ich die flexible Springerin bin? Vielleicht bin ich vor lauter Flexibilitätsanspruch schon ganz gefangen. Will ich Mitfrau bei Terre des Femmes sein, wenn die die Väterrechtler am Frauentag mit Preisen ehren? Will ich eine neue Seminar- und Workshopreihe ersinnen und anbieten? Ich kann nicht mal das Wort Workshop so richtig gut leiden. Will ich dafür sorgen, dass die neue Patriarchatskritik Facebookgruppe nicht zu viel Verwirrung in der Sache anrichtet? (Das ging schnell: Ich habe die Gruppe einfach verlassen: Warum sollte ich mich gezwungen sehen, eine Gruppe, die eine mir unbekannte Person gründet, immer wieder in die richtige Richtung zu lenken? So könnte man mich ja leicht beschäftigen und völlig wirkungslos werden lassen.) 

Das Buch, das mich während der Krankheit am meisten beeindruckt hat: „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, es fasste meine Gedankenfäden irgendwie mit auf, genau wie Luisa Francia wieder mal mit ihrem Blog auf www.salamandra.de. Wir tun unspektakuläre Dinge an unspektakulären Orten, verbinden uns mit Leben, das in diesen Formen von unserer derzeitigen Gesellschaft gar nicht wahrgenommen oder erkannt wird, weben die Fäden der Alten und bestärken trotzdem unsere jungen Leute in ihren Demonstrationen für Erde und Klima, gewebt wird auf vielen Ebenen. („Die Fäden der Alten“, ja, ich weiß, dass ich nicht alt bin, aber die Junge und auch die Mutter sind, abgesehen davon, dass alle 3 Formen immer in jeder Frau leben, definitiv nicht mehr die, die bei mir im Vordergrund stehen, das hat mit alt sein oder sich alt fühlen, gar nichts zu tun, es geht eher um Sichtweisen und Prioritäten.) 

Eine kleine Reise, auf die ich mich seit Monaten gefreut hatte, fiel grippebedingt aus, und nicht einmal das hat mich gestört oder empört. Jetzt, wo ich es schreibe, fällt mir auf, dass ich offensichtlich in einem „The Work“ Zustand in Reinform war. Was ist, ist. Kein Widerstand, kein, „Ich sollte, andere sollten“, es war komplett friedlich in mir. Wenn das in Krankheit möglich ist, sollte es ja bei Gesundheit auch möglich sein. In dieser Friedlichkeit wieder ins Tun kommen, das ist mein nächster Schritt. 

Die ganze Zeit haben übrigens zwei meiner Katzen mich begleitet und mit ihrer heilsam schnurrenden Gegenwart den Kontakt zur Welt für mich gehalten.

Neues Kleid





Ich web ein Kleid aus Heiterkeit
Erinnerung und Träumen
aus Schätzen der Vergangenheit
und Frühlingswind in Bäumen.

Ich web ein Kleid aus Knochenweiß
und Radikalität
ein Kleid, das schön ist (und nicht „nice“)
ein Kleid aus „nie zu spät“.

Ich web aus Frauenkraft mein Kleid,
aus Unverschämtheit auch.
Aus Neumondmärzenfeierzeit
und aus Orakelfeuerrauch.

Ich web ein Kleid aus Zuversicht
aus Singen Tanzen Spinnen
aus tiefer Nacht und hellem Licht
ein Kleid aus allen Sinnen. 

Sonntagmorgen,
Becher Kaffee,
Husten aus den Zimmern der Kranken –
vor dem Fenster
fliegt der Regen quer vorbei,
ja, März, ich weiß,
kalt und graulig kannst du sein.
Aber trotzdem lächeln die Primeln
und Zwergosterglocken
und die Holunderin hat die ersten Blättchen.

Gesang der Kakerlake

Hört ihr die Trommel den Puls der Erde
wir hören ihn
schon lange lang und werden ihn lange lang hören
wir sahen die Tiere und Pflanzen leben und sterben
Kometen auf die Erde fallen
und waren dabei als Kontinente entstanden und verschwanden
und wuchsen und sich verschoben
Hitze und Kälte
Faltenwurf der Gebirge
Ascheregen
und neues Wachsen
hört ihr die Trommel den Puls der Erde
das Geräusch der Planeten
wir sind mitten im Weltall
und seit Kurzem seid ihr da
zuerst ganz einfach
wie alle
lebtet Jahrhunderttausende
im Einklang
wie alle
eine lange Zeit für euch kurz für uns
aber dann
fingen eure Männer an
Lebewesen und Land zu „besitzen“
und ihr fielet heraus aus der natürlichen Ordnung
hört ihr die Trommel den Puls der Erde
den Rhythmus der Sterne
es wird Zeit wenn ihr noch Zeit haben wollt.

ich gehe die Pfade der großen Spirale

Ich würde das alles gerne noch mal leben.
Genau so wie ich gute Filme gerne mehrfach sehe
Musik nicht intensiv genug erfühlen kann.
Die Kniestrümpfe und den Drachen an der Schnur,
die Sommer mit Wandern und Baden,
die Winter mit Schlittern und Rodeln.
Das Stapfen durch die Wälder,
Dämmebauen im Bach und Klettern, wo niemand dich sieht.
DDR und BRD waren nur so theoretisch da.
Amerika und Russland auch.
Auf den Titelblättern von Spiegel & Co
geisterten Kindermörder,
und Eduard Zimmermann machte uns noch mehr Angst.
Korn duftete am Weg beim Radeln,
und Wege staubten unter den Füßen im Wald.
Regen tropfte von Pilzen und Schirmen,
und im Juli waren schonmal 14 Grad.
Ginsterblüten schwatzen mit uns,
nackte Füße auf warmem Asphalt
und die ersten Kugellagerrollschuhe.
Ich bin auf dem Weg zum Relikt.
Wenn ich jetzt im Februar
in den Vorfrühlingsmorgen trete,
riecht es genau so wie der Schulweg vor 42 Jahren.