Verspätung

Wenn eine Todesnachricht mit fast 2 Jahren Verspätung eintrifft, ist das ein verstörendes Erlebnis. Wie können Menschen, die mir wichtig waren, so lange schon tot sein, ohne dass ich es mitbekommen habe? Eine Weggefährtin, die ich seit 2007 immer wieder getroffen habe, ist schon im vorletzten Frühling gestorben. Wir hatten keinen regelmäßigen Kontakt, irgendwie war aber immer klar, wir treffen uns in Stuttgart oder in Rottenburg am Neckar. Sie war eine kluge, wunderbare Frau mit einem ganz präzisen, unbestechlichen Blick auf die Welt, ich sehe uns in Fatima sitzen an diesem patriarchös-katholischen Platz, in der Hitze, die die Kerzen bog, und wir lachten.

Sleep after toil, port after stormy seas, Ease after war, death after life does greatly please. (Edmund Spenser)

Kakophonie

Synästhesien im Advent

Wenn Farben und Töne schrill aneinanderprallen und sich mit Fettgeruch und Zuckerwattendunst mischen, ist der Gang unterm Schirm zwischen tropfenden kahlen Bäumen so erholsam. Genau wie Lesen, zusammengerollt im Ohrensessel, vertieft und genüsslich blätternd. Genau wie das abendliche Auswählen eines Hörbuchs mit der Katze.

Jane mag gerne Hauffs Märchen, Agatha Christie und Fontane. Bei Tolkien schlafen wir beide sofort ein. Den talentierten Mr. Ripley mag sie nicht so. Bei schönen, vorlesenden Frauenstimmen möchte sie immer am Handy herumkauen.

Sprüche.

Vom Bäcker aus ging ich am Blumenladen vorbei, dort hingen, wie in sämtlichen Deko- und Schnickschnackläden, in denen wir am Samstag beim W.-Marktbummel waren, weil es draußen so kalt war, Schilder mit Sprüchen. Entweder sind sie „lustig“ oder „lebensklug“ oder „tröstlich“. Sie sind es in Anführungszeichen, denn natürlich sind sie es nicht. Beispiel gefällig? Dazu bitte den Geruch nach „Schmalzkuchen in Pflanzenfett“, verkohlten Fleischspießen und Glühwein denken. 

„Eine Beziehung ist wie eine Wiese. Sie wächst und wächst, bis eine blöde Kuh kommt und alles zerstört.“ (Wer schenkt wem bitte ein solches Schild? Wer lacht darüber? So ein misogyn patriarchöser Mist.)

„Warte nicht auf den perfekten Moment. Nimm Dir den Moment und mache ihn perfekt.“ (Klassische Schuldzuweisung: Bist du unglücklich? Dann behandelst du die armen Momente falsch!)

“ ‚Liebe ist nie ohne Schmerz‘, sagte der Hase und umarmte den Igel.“ (Das enthält so viel Verschwurbelung, Romantifizierung und unerfüllbare Ansprüche, dass zu hoffen ist, sie drucken den Spruch nur auf Holzschilder, damit man wenigstens damit heizen kann.)

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Dann tausendmal lieber die unromantische, rohe, radikale Realität mit dem Geruch nach nassem Boden und geschmolzenem Schnee. 

Advent.

Überall in den Medien halten geldgesichtige Krawatten- und Anzugträger riesengroße Schecks in Kameras, deren Kleckerbeträge nie gespendet werden müssten, wenn diese Geldgesichter nicht vorher den Menschen, denen sie die großzügigen Spenden zukommen lassen, das Geld aus den Taschen zögen. „Schweinesystem“ sagt das Känguru.  #Patriarchat #Kapitalismus

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Dezember

Die Blätter sind gefallen,
reine Struktur zeigt sich
rauh und roh und klar.
Hollerin reckt sich in den blassen Himmel.

Und ums Eck
wird schon versucht,
mit Lichtern und Zeitschaltuhren
die Zeit zu überlisten.

Es klappt nicht.
Cailleach hat den Stab.


Symbole mich finden lassen
Ich fand
eine Mutter,
ich hörte
ganz lange ein gleichmäßiges Trommeln
wie von einer Schamaninnentrommel,
ich sah eine alte Frau
auf dem Fahrrad
sie fuhr auf der linken Straßenseite
mit einem stolzen Gesichtsausdruck,
denn sie fuhr.

Raben

So viele Leute nennen Krähen Raben.

Ich liebe Krähen, ihr vielgeflügeltes Kreisen
am Morgen und Abend,
wenn der Himmel von Krähen wimmelt
wie in klaren Nächten von Sternen,
wenn sie in den hohen Straßenbäumen
ihre Schlafquartiere aufsuchen
oder dicht über die Wiesen hinstreichen.
Saatkrähen mit den hellen Masken
Rabenkrähen mit den unglaublich klugen Gesichtern.

Raben
sind die, die mit unverwechselbaren Rufen
über der Rominter Heide fliegen,
die riesengroß in lichten Lärchenbäumen
am Fuß der hohen Berge sitzen
wie Schattenrisse aus „Krabat“.

Und dann noch die Dohlen
mit ihren grauen runden Köpfen
und die Nebelkrähen,
die zeigen, dass eine ein gutes Stück
nach Osten gefahren ist.

Elstern wippen überall
mit ihrer schwarzweißen Anmut
und Eichelhäher erinnern mich
mit ihrem plötzlichen Flug
quer über den Weg daran,
mich auf mich zu besinnen.

Und sie alle gehören zu den Singvögeln.

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