Gleicher Ort, anderes Licht:

Gleicher Ort, anderes Licht:

Wer bin ich, wenn ich mich nicht spiegele?
Nicht in den Gesichtern und den Urteilen anderer?
Was trägt mich, was nährt mich, was stärkt mich?
Was möchte ich essen und trinken?
Welche Stoffe will ich auf der Haut spüren?
Welchen Weg will ich beim Wandern wählen?
November, sanfte Zeit
der Rückkehr in mein eigenes Haus,
mein bewußtes Sein,
Gelegenheit zu Mauser und zum Stillesein.

Um den See gegangen, Schafgarbe getroffen, mich zwischen die Birken gestellt und geerdet, da kam der Regenbogen.


Ich konnte ganz lange unter ihm dahingehen, und dann war auf dem Asphalt noch ein Regenbogenmandala („in den Pfützen schwimmt Benzin, schillernd wie ein Regenbogen“ – Gerda fiel mir ein. Liebe Gerda.)

Selten, selten dass ich beim Gehen Musik höre. Heute war es mal Joan Baez, I am a wanderer.
Gespräch mit der blühenden Nessel, das blasse Gold im Laub und bei den Eichen auch noch grün (während ich um den See laufe, metzeln in der Nachbarschaft Leute ihre 5 großen Eichen im Vorgarten zu beschnittenen Stümpfen, und ob sie die stehen lassen, weiß ich nicht), Teichhühner spazieren auf den Wegen und Amseln lassen mich dicht an sich vorübergehen. Friedlich ist es hier. „Three steps and back in my corner of hell.“ Trotzdem friedlich und wunderschön. Im ganz Kleinen und im ganz Großen finden wir immer die Unendlichkeit, Grenzen scheinen eher so mittel zu sein.
Die Mauser ist fast vorbei. Die Hennen sind wieder energiegeladen, neugierig, trittsicher und zauberhaft hübsch.

Dass sie in der Mauser nicht legen und nicht so aktiv sind, nicht produktiv und nicht kontaktfreudig, erinnert mich daran, dass wir auch solche Zeiten haben. Haben dürfen und wohl auch haben müssen. Die Zeit der Mauser, die Zeit im Kokon, um zu ruhen, zu reifen, zu werden und vor allem, um zu sein.

Blasses Blättergold
tropft aus den Bäumen
in feuchtes Gras
ich knacke Haselnüsse
mit einem Stein
und schmecke Herbst
Topinamburstengel
stehen schwarz
und verraten nichts von den vielen Knollen
die in der Erde warten
der Himmel
gehört den Krähen.

Wische hinweg
die Regeln und Anweisungen
die dich verwirren
geh den Weg
den niemand für dich sehen kann
außer dir
Fürchte dich –
deine eigene Furcht
und geh auf deine Art hindurch –
die Ängste anderer zu überwinden
macht weder mutig noch froh
Freue dich –
deine eigene Freude
ganz deins
und träume für dich.

Auf dem Zauntritt gesessen, eine Flaschenpost gefunden – allerdings ohne Brief, mich gewundert, warum eine völlig heile Mandarine im Treibgut an der Ems liegt, ganz viele Holzklötzchen gefunden, deren Nummer man an die Hochschule schicken soll, es geht um das Verfolgen der Wege von Meeresmüll. Allein auf den 500 Metern Treibgut waren bestimmt 25 von den Klötzchen. Außerdem mit den Krähen den Wind genossen und darüber nachgedacht, wie wunderschön dieser Fluss ohne die Werft wäre. Es gibt jetzt mehr als genug Riesenkreuzfahrtschiffe, ihr könnt damit aufhören.
Mir fällt gerade auf, dass das Meiste des Geredes sich durch die Kommunikation einer Katze extrem kurz zusammenfassen lässt. Was meine Glückskatze durch ihr Schnurren und ihre Körpersprache vermittelt, müsste ich egal in welcher Therapieform teuer bezahlen. (Es wäre es auch wert. Kann man Therapiekatzen ausbilden? Würde sie das auch für Fremde tun? Ich nehme an, eher nicht. Katzen mögen persönliche Bindungen.)

Beim Orakeln habe ich auch das Schaf gezogen, als Helfertier für die kommende dunkle Jahreszeit. Ich freue mich immer, wenn ich die Schafe auf den Deichen sehe.
Wenn ich jetzt mal google nach „Schaf“ in diesem Tierbote oder wie auch immer man es nennt, Zusammenhang frage, kommt dauernd irgendwas mit Opferbreitschaft, Geduld und Sanftmut. Darum ging es im benutzten Kartendeck überhaupt nicht, im Gegenteil. Es stand im Fokus, Erträumtes und Gewolltes ganz matereriell in die Welt zu bringen, mit ziemlich viel und hartnäckiger Energie. Passt mir auch besser. (Am Wichtigsten ist natürlich sowieso das, was einer direkt und individuell zu dem Tier einfällt.)
