Schwarzmondin

Schwellenritual

verletzte Katze  versorgen

Unfassbarkeit von Hunderten von eingesperrten Menschen, mitten in Deutschland, mitten im 21. Jahrhundert – Patriarchatskritik ist nötiger denn je (und leider flüchten sich viele, von der Massenpanik angesteckt, in die Mauern des Patriarchats zurück)

Achseln zucken, Schultern küssen

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3 Monate

Unfassbarkeit, potenziertes Patriarchat, Lockdown, und auf einmal soll ich wieder funktionieren? In einer „neuen Normalität“? Nein. Das mache ich nicht. Ich schaue auf mich. Ich lausche. Losnächte im Juni. Ich lasse mich nicht aus- und anschalten. Ohne die Außenwelt ganz aus dem Blick zu verlieren, geht die Schau nach innen. Innen, innig, innerlich. Sogar Dinge, die ich im März und April noch ersehnt habe, treten zurück, wären zu anstrengend. Genau habe ich noch nicht herausgefunden, warum und wie das so ist. Aber mein Haus und Hof, mein Garten und Getier (ok, Alliterationen gehen noch) sind derzeit mein Halt und Hafen.

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Hesseabenderinnerung

Lauer Regen, Sommerregen
Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen.
O wie gut und voller Segen,
Einmal wieder satt zu träumen!

War so lang im Hellen draussen,
Ungewohnt ist mir dies Wogen:
In der eignen Seele hausen,
Nirgends fremdwärts hingezogen.

Nichts begehr ich, nichts verlang ich,
Summe leise Kindertöne,
Und verwundert heim gelang ich
In der Träume warme Schöne.

Herz, wie bist du wund gerissen
Und wie selig, blind zu wühlen,
Nichts zu denken, nichts zu wissen,
Nur zu atmen und zu fühlen!

Und ergänze Meins, aus einem Gedicht für meine sterbende Mutter vor über 20 Jahren
„Bei Birkenblatt und Buchenlaub,
bei Duft nach Regenfall auf Staub,
Kornblumen, Klatschmohn, Welschkornfeld,
du siehst, bei allem in der Welt,
denk ich an dich.“

Und diese Liebe, dieses Fühlen, ist dann doch das Wichtige, das alle Ent-Täuschungen und Ego-Gaukeleien überholt.

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Wisst ihr noch

wie es in Telefonzellen gerochen hat? Wie die Telefonbuchseiten sich anfühlten? Wie eng es war, wenn man sich zu zweit hineingedrängt hat und welches Geräusch die Münzen beim Einwerfen machten?

Erinnerung verklärt nicht automatisch, manchmal klärt sie einfach die Wahrnehmung.

Und an einer hängen immer noch weitere, an meiner Telefonzellenerinnerung hängen unter anderem
die vergebliche Investition eines Fünfmarkstücks,
eine panierte, gebratene Banane,
Anrufe bei erdachten Nummern irgendwo in Irland und Australien,
eine Straße namens Hasenkopf.

 

 

 

 

Ich habe einen stillen Tag

und gehe von Katze zu Katze. Regen und Sonne wechseln sich ab, ich lese verschiedene Bücher in verschiedenen Räumen, ich verabschiede Gedanken und FreundInnen, träume mich hin und her, häkle ein bißchen, frage mich, ob ich den Schal, den Lockdownschal, im Winter werde tragen wollen. Und wieder war Vollmond. Stille, Stille, Stille.

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Da war meine Mutter ungefähr 10 Jahre jünger als ich jetzt bin. Mindestens. Der Hof war nicht gepflastert aber wir liefen dort Rollschuh, die Garagen- waren unsere Fußballtore, und in dem kleinen Loch über dem Blumenkübel nisteten jedes Jahr Blaumeisen und übten dann auf dem Hof fliegen. Der Vermieter und seine Brüder schraubten an ihren Bullis, und wir Kinder bekamen beim Grillen Toastbrot mit Ketchup drauf. Es war nicht sonderlich idyllisch – aber niemand musste Maske tragen.

 

 

 

 

 

 

Oha.

Da habe ich mich aber aus dem Fenster gelehnt 🙂 Die Frauenfiguren bei Christine Nöstlinger sind dermaßen komplex, das passt nicht in einen Blogeintrag. Daher gibt es mal ein paar skizzenhafte Gedanken:

Das erste Nöstlingerbuch, das ich gelesen habe, war „Ein Mann für Mama“. Darin finden sich schon sehr viele typische Figuren, andere typische fehlen. Wir haben die Erzählerin Su, ein ideenreiches, rebellisches Mädchen, das sozialisierungsbedingt in pariarchalen Kategorien denkt und die getrennt lebende Mutter erst mit ihrem Deutschlehrer und dann mit ihrem Nachbarn zusammenbringen will. Ihre große Schwester I erinnert ein bißchen an eine Ilse Janda, die es mit dem Zuhause etwas besser getroffen hat, sie ist frustriert aber noch nicht verzweifelt. Die Mutter: Hier treffen wir eine der verstörten Mutterfiguren, die uns bei Nöstlinger immer wieder begegnen. Dem Unsinn der Kleinfamilie (damals waren sogar berufstätige Frauen noch selten und auffällig) ausgeliefert versuchen sie, jung und schlank zu bleiben, was ihnen nicht gelingt, empfinden die Männer als rücksichtslos und egoistisch (was die oft sympathischen aber sehr schwachen und ineffizienten Vaterfiguren meist sind) und leiden unter den Regeln, die Mütter, Schwiegermütter, Chefs, das Schulsystem etc. ihnen aufdrücken und kompensieren mit Essen, Putzen, Schimpfen („Keppeln“), Depression. Die Großmutter (mütterlicherseits) in diesem Buch ist eine unerträgliche Tyrannin, ihre Schwester eine schwache, dauerputzende und Sprichwörter hersagende Gehilfin. Die Großmutter steckt die Kinder bei sich im Haus und beim gemeinsamen Urlaub in scheußliche Zimmer, während sie selbst es sich schön macht, sie sorgt dafür, dass das Geburtstagsessen für Su etwas ist, was sie nicht mag. Das ist bio-unlogisch, denn natürlicherweise sorgt gerade die Großmutter mütterlicherseits für bessere (Über)lebensqualität der Enkel. In den meisten anderen Büchern sind auch gerade die Großmütter sehr positiv besetzt, genauso rebellisch und durchschauend wie die Kinder. Der Nachbar, mit dem die Mutter sich zusammentun soll, ist, entblättert man ihn, eine Luftnummer, genau wie der Vater und wie der Onkel. Trotzdem versöhnen die Eltern sich am Ende, was wohl ein Happy End sein soll. Die Klischees, die sich die Eltern beim Streiten an den Kopf werfen, machen betroffen. Su schreibt darüber: „Die Mama verpatzt gar nicht jeden Knödel.“ Aha: Die Mama arbeitet in einer Boutique, der Vater hat eine Werbeagentur, die Mama kocht. „Der Papa bekommt gar nicht jedes Mal Glubschaugen, wenn ein blondes Fräulein vorbeigeht.“ Ok…

Der Altersfaktor ist auch interessant (mehr als Zeitphänomen): Genau wie Michels Eltern sind auch Sus Eltern gerade mal Mitte 30. Die Beschreibung ließe uns heute an Menschen von mindestens Mitte 50 denken.

Die vielen Eltern in „Achtung, Vranek sieht ganz harmlos aus“, sind eine frustrierende Katastrophe, in „Pfui Spinne“ und „Ilse Janda, 14“ würde man die Kinder ab liebsten herausholen. Im „Austauschkind“ erfahren die Eltern eine positive Entwicklung und in der Gretchen Sackmeier Trilogie ist die Mutter eine sehr bewusste Frau, die sich aus dem Kleinfamiliensumpf herauszieht, wenn sie auch immer wieder Rücksicht auf den dauerbeleidigten Ehemann nimmt.

Wenn ich mir aussuchen müsste, wer ich im Nöstlinger Universum sein sollte, dann würde ich Gretchen Sackmeier nehmen, sie ist eine durch und durch sympatische, hinterfragende, liebevoll agierende junge Frau, die sich selbständig von einem großen Teil des patriarchatsinduzierten Stockholm Syndroms befreien kann.

Noch ein Lieblingsbuch von mir ist der „Lukilive“ – dort sind die Eltern lieb, bemüht und trotzdem so hilflos. Da sie aber mit ihren Kindern gemeinsam agieren, geht es wenigstens halbwegs gut aus.

Mit dem Beitrag können wahrscheinlich nur solche Nöstlinger Fans und ImmerwiederleserInnen wie ich etwas anfangen, ich schreibe ihn trotzdem.

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Das zerfledderte „Ein Mann für Mama“ steht links von „Achtung Vranek“, die beiden waren die ersten. „Zwei Wochen im Mai“ (autobiographisch und sehr erhellend, was die Elternfiguren in vielen Büchern angeht) hatte ich auch schon als sehr junges Kind, die sind über 40 Jahre bei mir. Die anderen habe ich später dazugekauft, da ich sie nur aus der Bücherei geliehen und immer wieder gelesen hatte, manche, wie „Wetti und Babs“ oder „Der Denker greift ein“ habe ich auch als Erwachsene zum ersten Mal gelesen.

Vor lauter Pause und Ent-Täuschung

habe ich etwas vergessen, das ich schon länger aufschreiben wollte. Nämlich: Wenn ihr eine Figur in Astrid Lindgrens Büchern sein wolltet, welche? Und: Welche Figur hat euch am meisten beeindruckt? (Das können zwei ganz unterschiedliche Antworten sein.)

Ich habe in meinen Urlaubstagen beim Sonnesitzen und Häkeln einiges an Hörbüchern gehört von Astrid Lindgren. Tief enttäuscht hat mich der Aufbau von Ronja Räubertochter, Lovis kann zwar Mattis händeln, Ronja aber wächst auf im Glauben, Birks Egoismus zur Not mit dem eigenen Tod unterfüttern zu müssen. Begeistert hat mich zum ersten Mal, beim Lesen war ich wirklich zu flüchtig, die Mutter von Michel aus Lönneberga. Egal, welchen mansplaining-Ansatz Michels jähzorniger Vater bietet, die Mutter hat eine pragmatische Ein-Satz-Antwort: „Ja, so ist das wohl.“ „Was vergeudet ist, ist, ist vergeudet.“ „Genau so ist es.“ und dann folgt im Text immer ein: „Und dann wurde nicht mehr davon geredet.“ Und wer wäre ich gerne? Entweder Malin, weil sie und ihr Vater so großartig sind,  oder Kajsa, Maditas kleinste Schwester: Da hat die Familie sich gerade auf ein großartiges Leben eingestellt, mit der Mutter, die fremde Kinder entlaust, dem Vater, der die Böden wischt, das ist eine Familie, die dem Patriarchat die lange Nase dreht. Allerdings vermisse ich bei Madita eine Figur: Die Frau des Schornsteinfegers. Er ist verheiratet und hat 7 (?) Kinder, vielleicht sind es auch 4, er tanzt mit Alva, dem Hausmädchen und macht die arrogante Frau des Bürgermeisters lächerlich, aber wo ist dann seine Frau? Sie muss ja ganz fantastisch sein, wenn sie ihm das alles ermöglicht.

Wow, jetzt stellt euch alle diese Frauen mal ohne Patriarchat vor. Geht fast nicht, ich weiß.

Morgen wird es um Figuren in den Büchern von Christine Nöstlinger gehen.

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