Lesen.

So eine Kindle App am Smartphone ist schon praktisch. Wartezeiten können lesend überbrückt werden, auch wenn kein Buch aus Papier dabei ist. Manchmal ist es auch eine Versuchung, sich ein Buch herunterzuladen, das man im Laden nicht mitgenommen hätte. Schwupp ist es da. Mit so einem Schwupp habe ich mir quasi im Kielwasser von „Third Girl“ (Agatha Christie, ein lang vergessener Band mit Ariadne Oliver, die ich so liebe) ein Buch eingefangen, das den Titel hat „Das Leben ist zu kurz für später“. Und ja, ich habe mir gleich gedacht, dass es gereicht hätte, den netten Titel bestätigend abzunicken und den Satz vielleicht in mein Notizbuch mit dem Katzeneinband zu schreiben, in dem stärkende Worte und Denkanstöße landen. Aber da hatte es schon geschwuppst und jetzt lese ich halt dieses Buch. Es geht rasend schnell, da die Sprache nicht dazu einlädt, das Querlesen zu verlangsamen und der Inhalt ist so wenig überraschend, dass ich mich im Dauerscrollmodus durch das Buch bewege. Die Autorin stellt sich vor, sie hätte nur noch ein Jahr zu leben und fängt darum an, alles ganz toll und authentisch zu machen: Beziehungen klären, unangenehme Wahrheiten sagen, einen ungeliebten Job kündigen und ein B&B eröffnen, viel Qualitätszeit mit dem vierjährigen Kind zu verbringen, allen möglichen Leuten zu vergeben etc. Eine sehr gute Stelle im Buch ist die, an der sie und ihr Partner eine zweite Wohnung dazunehmen (über der kleinen Bar, die er betreibt), weil sie bemerkt haben, wie unnatürlich (sic!) diese Alltagkleinfamilienwohnsituation ist. (Leider folgt natürlich keine Recherche zur eigentlich natürlich menschlichen Lebensweise, die Patriarchatskritik und Erkenntnisse zu Matrifokalität nach sich ziehen würde.) Und immer wieder stellt sie ihre authentischen Handlungen als Folge der Vorstellung dieses „noch ein Jahr zu leben“ hin. Ich halte das für Kokolores.

Dieses endlich authentische Handeln ist die Folge von Nachdenken und vom bewussten Fühlen, wie es einer selbst womit geht. Wenn eine den Gedanken, und dass es nur ein „Spiel“ ist, ist ihr ja von vorne bis hinten klar, braucht, es gäbe nur noch ein Jahr, dann setzt sie quasi einen Puffer zwischen sich und die Realität, dass sie nämlich keine Gewissheit hat, ob es die nächste Minute überhaupt noch für sie gibt, dass sie keine Ahnung hat, ob sich nicht noch heute ihr Leben komplett und unvorstellbar ändert. Sie kreiert damit die Vorstellung, es gäbe ein garantiertes Jahr. Sie negiert die Tatsache, die z.B. bei schweren Erkrankungen als Diagnoseschock bekannt ist: Schockstarre, plötzliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes und einiges mehr, dass eine komplett daran hindert, fröhlich pfeifend neue Lebensmodelle auszuprobieren, genüsslich einen Bauernhof in der Uckermark als WG mit Freundinnen zu kaufen und einzurichten. Mir ist das zu pilcheresk: Als käme mit einem gesicherten Todestag gleichzeitig ein tolles, neues Leben, ein geerbtes Weingut in der Toskana, Weisheit und natürlich am Ende ein Überleben des gesetzten Zeitpunktes, wenn wir schon bei den Wundern sind. Ich denke nicht, dass jemand, der exakt wüsste, wann er stürbe (und das Wissen kann es ja nur in Extremsituationen geben, also wenn du weißt, dann und dann geht es vors Erschießungskommando  oder du bist im Weltraum und der Sauerstoff reicht noch exakt so und so lange, da ist es dann eh nichts mit den ganzen Alltagsveränderungen, auf die sich das Buch bezieht), das Leben aus dem Bauch heraus total zum Guten verändern würde. Eher wäre die Qualitätszeit mit dem Kind von Trauer überschattet, die getrennten Wohnungen würden nicht eingerichtet, um die wenige Sicherheit, die es noch gibt, nicht zu verlieren, der Bauernhof in der Uckermark nicht gekauft, um nicht für die wenige Zeit so viel Geld auszugeben, statt allen zu vergeben, würden manche vielleicht zu wüsten Beschimpfungen oder sogar Racheaktionen neigen („Was soll mir denn noch passieren?“), die seelische Reaktion könnte eine schwere Depression sein, sogar ein Suizid, um die „Wartezeit“ nicht ertragen zu müssen, wäre denkbar. Außerdem wäre eine gar nicht unwahrscheinliche Reaktion, völlig ungesund zu essen, gefährliche Sachen auszuprobieren, zu saufen, Drogen zu nehmen, wild in der Gegend herumzuvögeln, Geld zu unterschlagen, um der Familie die Zukunft zu sichern und was es da noch alles gibt: Nicht alle Menschen haben so harmlose Träume wie das Eröffnen eines B&B. Und die meisten verwirklichen ihre Träume nicht, weil sie glauben, keine Zeit mehr zu haben, sondern weil sie glauben, viel Zeit zu haben.

Übrigens kommt in dem Buch eine Freundin der Autorin vor, bei der ein Brustkrebsrezidiv festgestellt wird. Natürlich ist sie eine, die einen Groll hegt, die ihrer Mutter irgendwas nicht vergeben hat (und wahrscheinlich will sie nichtmal einen Bauernhof in der Uckermark haben), na, da muss eine ja krank werden! So etwas macht mich wütend, diese Hybris.

Ansonsten ist es kein dummes Buch, sie (Alexandra Reinwarth heißt sie, ich musste nochmal nachschauen, das ist das Blöde bei E-Books, man kann nicht schnell mal auf den Titel schauen) macht sich viele wichtige und gute Gedanken über ihr eigenes Leben. Der Fehler ist eben diese nicht tragfähige Unterlage aus dem erdachten Todestag, dem sie die Verantwortung für ihre mutigen Veränderungen zuschiebt, und diese mainstreammäßige bulletjournalähnliche Annahme, es handele sich um eine Vorlage, mit der alle anderen auch so arbeiten können und sollen. Sie vergisst übrigens auch all diejenigen, die bei einer erfundenen Todeszeit in eine abergläubische Angst geraten und vor lauter Vor- und Verstellung dann wirklich sterben könnten oder vor lauter Furcht gar nichts mehr machen könnten. „Dem Herzen folgen“ schreibt sie, würde sie und dann kommen Beispiele wie aus einem amerikanischen Weihnachtsfilm. Ach ja…

Es ist ein bißchen wie Geisterbahn fahren, was sie da macht. Künstliches Grauen, spielerisches Gruseln und Erschrecken. Dabei braucht eine gar nicht viel Fantasie (und meist nur ein gewisses Maß an Lebenszeit und erfahrung), um zu wissen, dass es so viel echte Ereignisse gibt, die erkennen lassen, dass wir wirklich nur diesen Moment „haben“, dass jederzeit alles passieren kann, und dass wir keine vorgestellte Frist brauchen, um endlich die zu werden, die wir sein wollen. Das kann in jedem Augenblick und immer wieder passieren – mal klappt es, mal nicht, mal sind wir achtsam und mal total schlunzig und unbewusst. Und das ist ok so.

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Avebury, 2013

 

 

Lang.

Es gibt lange und kurze Monate und das hat nicht unbedingt etwas mit der Anzahl der Tage zu tun. Dieser Januar ist ein langer Monat. Einerseits, weil es immer noch so lange dunkel ist, weil es meistens nasskalt ist, und weil sich manches so zieht. Andererseits, weil schon viel passiert ist, es war und ist viel los, ich habe viel gearbeitet und auch viel anderes gemacht und unternommen. Heute habe ich die ersten Krokusse gesehen, fest geschlossen, sich schmal machend im starken Wind, zartfarbig (gelb und lila) auf einem kleinen Vorgartenrasen in der Stadt. In unserem Vorgarten blüht seit Monaten unsere weiße Primel, das macht sie nun schon mehrere Winter hintereinander.

Was das Weltgeschehen angeht, schließe ich mich einmal mehr Luisa Francia an (www.salamandra.de).

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1874

Und wenn der Abend wieder dunkel fällt
und Licht noch immer auf sich warten lässt
und Sicherheit doch etwas Feines wäre
steht Trost doch manchmal im Regal
ist hundertsechsundvierzig Jahre alt
und spricht gereimt von Bächen, Nacht und Dörfern,
von Wind und Jahreszeiten und Robin Redbreasts Liedern.

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Anbei bemerkt: In diesem fast 150 Jahre alten Poesieband finden sich deutlich mehr Gedichte von Frauen als Texte in diesem ollen Lesebuch von neulich. 

Ausflug

Mein Vater war am Wochenende eingeladen, bei Verwandten um ganz viele Ecken, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Ich habe ihn begleitet und die Gelegenheit genutzt und eine befreundete Kollegin besucht. Duisburg ist ein Stück Ruhrgebiet, das in mir Erinnerungen zum Klingen bringt, ohne etwas zu triggern. Es war schon ein Ziel von Familiensonntagsbesuchen, als noch gelbe Schwefelwolken über der Stadt hingen. Kioske riechen noch genauso wie früher (also auch wie ganz früher in Gelsenkirchen, da erinnert sich mein Geruchssinn an Dinge, die ich bewusst nicht mehr weiß und auf einmal ist da ein Bild dazu, meine Mutter, die Zigaretten kauft, mich im Kinderwagen schiebend), abends ging ich durch dunkle Straßen, ohne mich auch nur ein bißchen zu fürchten, morgens wurde ich von singenden Vögeln in den Hinterhofbäumen geweckt.

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Und dann kam auch noch die Sonne raus. 

All-ein.

Das meiste im All sind Zwischenräume
das meiste im All ist Nichts
da helfen auch keine Schäumeträume
kein Faseln vom Weg des Lichts.
Wir rasen und reisen durch Dunkelheiten
wir haben gar nichts im Griff
wir schippern durch leichte und schwere Zeiten
in ruderlosem Nußschalenschiff.
Könnten wir Nacht und Unsicherheit
nicht als Trost und Zuflucht nützen,
dann kämen wir keinen Meter mehr weit,
denn nichts außer dem kann uns schützen.

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Zeit.

Jenseits gemessener Zeit
wird es heller,
die Tage zum Abend hin langsam länger,
morgens dauert es noch.
Behagliche Momente
schleichen sich ein,
spontane Glücksgefühle
möchten gefühlt werden,
auch grundlose,
wie heute Morgen an der dunklen Kreuzung
beim Betrachten eines baggernden Baggers
dort, wo ein Haus abgerissen wurde.

 

Prasseln.

Morgens prasselt der Regen aufs Dachfenster über mir. Prasselnd schnurrt Jane auf meinem Kissen. Bei der sehr, sehr dunklen Autofahrt mehr Regen, laut auf dem Dach. Vormittags prasseln KollegInnenschicksale auf mich ein, meine Güte. Es wird gar nicht hell. Auf einmal, zupp, werden die Wolken heller, ich pfeife „Kannst du pfeifen Johanna?“, leite eine Gruppe zum Thema Vision Board an und mache auch selber eins. Abends prasselt der Ofen und ich lese „Towards zero“ von Agatha Christie, unglaublich, dass mir dieses Buch bisher entgangen ist, diese Charaktere, dieser Battle, mal total patent privat unterwegs (er hat eine Tochter!), dann wieder Polizeiprofi, Poirot taucht nur als Gedanke auf. Fein.

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