Erst waren die Menschen einfach nur da, so wie alles andere, wie die Bäume, die Gräser und die Vögel, wie die Eichhörnchen und wie die Forellen in den Bächen. Wie die Wale in den großen Meeren. Sie lebten und sorgten dafür, dass sie weiterlebten, die einzelnen, vor allem aber die jeweilige Gruppe (die eine matrifokale Sippe war, ihr wisst schon – wenn nicht, schaut auf http://www.matrifokal.com). Damals muss das Sein, das Tun, das Denken eins gewesen sein und der normale Zustand die Präsenz, die Achtsamkeit, die gleichschwebende Aufmerksamkeit.
Wie sind wir von dort zum heutigen Zustand gekommen? Dass Leute rasend schnell von einem Ort zum anderen gelangen, dabei wichtig ins Laptop tippen, telefonieren, den newsticker lesen (und auch noch glauben, was sie da lesen), dabei essen, trinken und permanent alles beurteilen. Kam diese Gier nach Ablenkung vom Sein schon vor dem Patriarchat? Ich denke nicht.
„…Das ferne Land, das weite Meer, dahin stand mir mein Sinn.“
Das ist eines der ersten Lieder, die ich erinnere, mein Vater hat es mir oft vorgesungen.
Es fiel mir ein, als ich mir jetzt in Hamburg die Landungsbrücken angesehen habe.
Das Gefühl des Liedes stellte sich prompt ein, allerdings mit der Frage, ob wirklich SO viel Ufer bebaut werden muss, nur damit Leute mit Fernweh auf Schiffe schauen, um dann Fischbrötchen in einem Büdchen aus dem Hamburg-In-Reiseführer zu essen. Ich bin nicht so stadttauglich – die aufgespießten Tauben, die Obdachlosen in ihren Pappkartondomizilen, der Krach, die Massen, all das überlagert die schönen Häuser und die ganze Kultur und „Kultur“, und von der Reeperbahn könnte ich gleich kotzen: Wir brauchen das nordische Modell, Freier sind Täter.
Eine Wohltat war der Aufenthalt bei Anna am Stadtrand, ich stieg aus der U-Bahn, wurde lieb begrüßt und im nahen Wald klopften Spechte und es roch nach Frühling.
Morgen fahre ich zum ersten Mal nach Hamburg. Durchgefahren bin ich schon öfters aber in Hamburg war ich noch nie. Ich freue mich. Heute war ein seltsamer Tag. Was war das Schönste? Definitiv dass ich alle meine drei wunderbaren Kinder getroffen habe. Den Mittleren morgens in der Küche beim Kaffee getroffen zu haben und die Weltlage aus ähnlichen Blickwinkeln zu diskutieren. Mit dem Großen abends Dr. House geschaut und mich gefreut zu haben, dass wir an den gleichen Stellen lachen. Die Jüngste in den Arm zu nehmen und mich zu freuen, dass sie viel freier als ich aufwächst. Und mit ALLEN werde ich ins Kino gehen, wenn übernächstes Wochenende das KÄNGURU läuft. (Corona-Kram bitte auf Facebook loswerden oder einfach Luisas Francias kluge Blogeinträge auf Salamandra lesen, ich bin des Treibens überdrüssig.)
An sich mag ich Montage. Eine frische Woche, das gefällt mir. Und ich mag meine Arbeit. Heute war auf dem Hinweg ein unglaublicher Stau, der PC funktionierte nicht, dafür war der Himmel, als ich aus dem Haus ging, traumhaft rot, das Aquajogging mittags super lustig und mich erwartete zuhause ein gutes Essen.
Ich kommentierte bei Facebook einen Beitrag der Zeit (die stellen immer ganz interessante Fragen, wollen damit aber nur Probeabos verbreiten, die man nur mit enormer Mühe los wird), in den es um Schaltjahre ging. Alleine auf den sachlichen Hinweis, dass es mit 13 Mondmonaten sehr lange sehr gut funktioniert hat und das krampfhafte Umändern auf 12 Sonnenmonate eine patriarchale Strategie war, habe ich viele misogyne, dumme und einfach unmögliche Antworten von Männern bekommen. Unter anderem
„du willst aber nicht behaupten das Frauen, wie Claudia Roth, einen Kalender ausrechnen können?“
und
„Und wieso werden dann so viele Frauen ungewollt Schwanger und warum tobt Nachbarskatze wenn ich denen wieder mal den Teppich vor der Tür mit Baldrian getränkt habe“
(das war beides der selbe Mann, und alle sind wieder mit Klarnamen unterwegs…)
Ansonsten regnet es stark und ständig, und am Wochenende will ich nach Hamburg, dort würde ich auch gerne was vom Draußen sehen, ohne dass mir die ganze Zeit Wasser in den Kragen läuft…
Da ich letztens wieder einiges von Ritter Rost gehört habe, fällt mir natürlich „7 Wochen Regen“ ein.
Und irgendwie lande ich abends derzeit immer mit Jane auf meinem linken Arm liegend, Dr. House schauend, unter dem regenbeprasselten Dachfenster.
Ich habe selbst gestaunt, als ich vor Jahren herausfand, wie sehr ich das Wattenmeer liebe. Eigentlich ist es nicht zum Staunen, denn Liebe zu den unspektakulären Wundern kenne ich. Trotzdem entzückt mich jedesmal zutiefst, wie Ebbe und Flut, die Muster im Sand, die nassen Wiesen, wie der erste Blick vom Deich mich ergreifen. Ich bin ja so eigentlich eine Frau der Berge, des Hügellandes, der Binnenseen, der Wälder, und doch, auch eine Wasserfrau – und doppeltes Luftzeichen, gut aufgehoben am Wattenmeer. Deshalb fuhr ich heute hin, ging spazieren, zwischen Austernfischern und Gänsen. Ich kam bei Flut und sah zu, wie die Ebbe kam. Schwabbschwabb, das Licht, die Meergewalt, die Küstenlinie. Die nassen Wiesen. Die leeren Campingplätze. Die Muscheln, die unendlich vielen Muschelschalen. Die Wolken.
Fast 50 Jahre –
springt im Wasser
tanzt im Wind
geht barfuß auf der Erde
und schaut ins Feuer.
Trotz einigem und vielem
sage ich weiterhin:
Ich bin eine glückliche Frau.
„Papst Franziskus befürwortet einstweilen keine Lockerung der Zölibatspflicht für katholische Priester. Auch Weiheämter für Frauen, etwa als Diakoninnen, lehnt Franziskus vorerst ab.“ (Facebookfund, ich lese normalerweise nicht, was der Papst so sagt.)
Wenn sich die Leute jetzt darüber aufregen, wenn „Maria 2.0“ darum kämpft, dem System, das immer noch auf dem Geld der Inquisition sitzt, noch mehr dienen zu dürfen, wenn sie sich wundern, dass dieser fortschrittliche Papst (wenn ich mit einer Feder schriebe, würde sie jetzt kratzen) sich doch so konservativ zeigt, bedenkt:
Selbst wenn diese Dinge „reformiert“ würden, bliebe es immer noch eine patriarchale, monotheistische Hirtenreligion, die erdacht wurde, um Macht über Menschen, vor allem über Frauen, auszuüben – weg damit. Kirche ist nicht reformierbar. Die einzig ehrliche, längst überfällige, Aktion wäre ein umfassendes Schuldeingeständnis und die Auflösung des ganzen Konstrukts.