Februarreime

Verheißungsvoller heller Wind
und erster Hummelflug,
einen windgeschützten Platz find
ich, an dem ist barfuß warm genug.

Im duftenden, besonnten Winkel verbindet
sich Erinnerung mit Ahnung und mit Traum,
mit der Millionenschar von Knospen, die verkündet,
es steigt jetzt frischer Saft in Busch und Baum.

Mein Herz klopft neuen Takt mit Spechten,
ich pfeife mit den Meisen ein uraltes Lied,
die Große Bärin brummt in klaren Nächten
vom Lebensbrausen, das mein Blut durchzieht.

Ich bin erwacht aus starrer, banger Stille
und fülle mich mit Freude ohne Grund,
das Wollen der Natur ist auch mein Wille
und meine Seele ist wild und gesund.

Raum

Raum ist das Thema

Raum einnehmen und halten
Platz haben finden wiederfinden
Feststellen dass Räume genauso wenig linear sind
wie anderes Erleben auch
spiralige Räume und Erlebnisse

Hineingehen in längst abgelebte Räume
um zu schauen
ob sie nicht doch taugen
und feststellen
nein auch von der nächsten Windung der Spirale betrachtet
taugen sie mir nicht

Gut bei solchen Versuchen
vorher Schutz und Wertschätzung
gerufen zu haben
und auch bei sich zu tragen

Und dann ist es leicht
den Platz zu sehen und zu halten
in einen neuen Raum hinein zu leben und -zu tanzen

Die Vögel singen weiter.

Mit fast 95 Jahren ist gestern mein ältester Onkel gestorben. Mamas Brüderle. Er war 11 Jahre älter als sie, hat sie um fast 21 Jahre überlebt und ist 32 Jahre älter geworden als sie.

Wortfeld um meinen Onkel Hans

Russland
Struppi
Brüderle
Mannewanne
Tunsel
Mädchenbaum
Freiburger Münster
’s Äderle schwillt
Kristi
Napf
Bilder
Johannisbeerwein
Streifen zählen
Briefe, viele Briefe

„Wie ein Blatt vom Baume fällt,
so geht ein Mensch aus dieser Welt,
und die Vögel singen weiter.“
(Christian Morgenstern)

Bemerkung

Bemerkung über die Fußballgeschichte (siehe weiter unten): Das ist genau das, was Frauen seit einigen Jahrtausenden immer passiert, wenn es darum geht, weibliche Anteile an irgendwelchen Leistungen zu benennen:

Wo sind die Komponistinnen, Philosophinnen, Malerinnen, Spitzenköchinnen, Filmemacherinnen?

„Wenn Frauen es genauso gut könnten wie Männer, wären sie auch da.“ „Dann bräuchte man auch keine Quote.“ „Das will niemand sehen.“ „Frauen interessieren sich halt nicht so dafür.“

Dass seit genau diesen Jahrtausenden Frauen über die verschiedenen Mechanismen des Patriarchats daran gehindert werden, diese und andere Leistungen auf ihre Weise, frei und freiwillig zu erbringen, wird negiert, bestritten und die Leistungen, die sichtbar werden, werden kritisiert anhand patriarchaler Maßstäbe und kleingeredet.

Die Frauen selbst werden mit nicht werkbezogenen Adjektiven „kritisiert“ – ihr Aussehen, ihr Alter, ihr Stand, letzten Endes ihre Fuckability werden als Maßstab herangezogen.

Frauen wurden von der Bildung abgeschnitten. Ihre Körper wurden benutzt, bewertet und durch Kleidung und Sitte an der freien Entfaltung gehindert (wie heute z.B. durch Verschleierung etc immer noch). Durch das ständige Gebären und die Pflicht, die Kinder alleine zu versorgen, wurde die Kraft für alles andere aufgezehrt (wer das nicht glaubt, kann es gerne mal selber versuchen, 20 Jahre lang jedes Jahr ein Kind zu bekommen…).

Universitäten, Schulen, Berufe waren einfach nicht zugänglich. Die Erbfolge war rein auf Männer ausgelegt. Und als Frauen dann arbeiten „durften“, blieb die Hausarbeit und die Versorgung der Kinder trotzdem ihr Anteil. Dafür waren sie dann mit 35 – 40 Jahren „verhärmt“ (auch gerne benutzt, um eine Frau zu kritisieren) und konnten nach ihrem frühen Tod durch eine jüngere Version ersetzt werden.

Rechnen wir dazu, dass Jungen im Glauben an ihre gottgegebene (die Theologien taten natürlich auch ihr Teil dazu) Überlegenheit, Mädchen in Bescheidenheit, als zum Dienen und Benutztwerden geboren, erzogen wurden und dass es Priveligierten immer wie ein Verlust erscheint, wenn anderen gleiche Rechte zugebilligt werden sollen, erklärt sich, wie sogar eine Bemerkung über Frauenfußball einen Ansatz bietet, die komplette Patriarchatsproblematik zu beleuchten.

Gleichzeitig bietet sie der Frau, die diese Gelegenheit wahrnimmt das ganze Spektrum der männlichen Wertungen ihrer Person und der Frauen allgemein (s.o.) und somit eine weiter Ent-Täuschung auf dem Weg der Patriarchatskritik: Auch die Männer, mit denen wir uns sicher fühlen (wollen) tragen die Missachtung, diese grundlegende Missachtung, die sie stets abstreiten, in sich. Sonst würden sie zumindest vernünftig über diese Themen reden können anstatt in ihr Bullshit Bingo einzusteigen. Das heißt also, nicht nachlassen, nicht nachgeben, nicht zurückrudern, immer weiter informieren, erklären, aufklären, stetig und radikal.


Kaffeetisch

Kleine frustrierende Anekdote:
Kaffeetisch, Familienfeier. Meine Tochter erzählt, dass eine ihrer Klassenkolleginnen ein Referat über die Unterschiede im Frauen- und Männerfußball gehalten hat und dass es ihnen allen aufgefallen sei, dass Fußballer in den tollsten Hotels untergebracht werden, die Frauen aber ganz billig unterkommen müssten. Drei Generationen Männer am Tisch waren sich (obwohl zu Hälfte gar nicht an Fußball interessiert) sofort einig, dass die Frauen auch nicht gut spielen, niemand das sehen will, Männer nicht, weil Frauen spielen und Frauen nicht, weil die keinen Fußball sehen wollen, sich deshalb keine Reklame lohnt, dass es ihnen aber heute richtig gut geht, denn vor 30 Jahren wäre ja noch richtig böse kommentiert worden, und haha, sicher sei da auch das Patriarchat Schuld, denn eigentlich hätten bestimmt Frauen Fußball erfunden und die Männer ihnen den weggenommen, und überhaupt würden Frauen auch das viele Geld nehmen, wenn sie es für ihre Kegelei auf dem Platz bekämen. Mein Versuch zu objektivieren wird mit „Womansplaining!“ gedeckelt. Wir stecken noch so tief im Patriarchat. Wenn sie bei Fußball schon so abgehen (und das sind Männer, die von mir und meiner Tochter ziemlich gut informiert sind, was das Leben von Frauen im Patriarchat angeht) was passiert wohl, wenn Männer unter sich sind und es geht um die geforderte Abschaffung von Prostitiution, die Kritik an Pornos usw. usw. So ein Kaffeetisch, so eine Familienfeier, egal wie groß oder klein, so eine patriarchatsgewachsene Kleinfamilie ist eben kein Schutzraum, kein geschützter Raum, kein Raum, sich ungehindert und frei zu dehnen, zu zeigen, zu wachsen, kein Raum, in dem die Dinge, an denen eine Arbeitet, geschätzt und behütet werden. Männer sehen es offenbar als Zeichen sehr guten Willens und großer Langmut an, wenn sie uns eine Weile reden lassen, es wie gleichberechtigt aussehen lassen, aber es ist nur Fassade. Das Wort Frauenfußball reicht schon. Dabei hätte es eine interessante Diskussion geben können.

Dornröschen

Menschen schlafen erschöpft,
die Katzen und Hunde einfach so.
Ich fühle fast die Rosenbüsche ums Haus herum wachsen.
Wintersonne fällt schräg durch die Fenster.
Manche schnarchen.
Ich sitze ganz ruhig
wäre auch fast eingeschlafen
aber nur fast
bin jetzt wach und sitze ganz ruhig
noch einen Moment
einen kleinen Moment.
Dann werde ich aufstehen
und mich strecken
und hinausgehen.
Leise, leise als verließe ich ein Zimmer,
in dem die Kiste mit Schrödingers Katze steht.

Und wenn ich wiederkomme,
schaue ich,
ob die Dornrosen sich für mich teilen,
wenn ich aufs Haus zugehe.
Wenn nicht,
drehe ich mich um und gehe wieder und lasse den Deckel der Kiste zu.

Looking for Jane.

Keine kann sich so verstecken wie Jane.
Hinter Büchern, in Taschen, im Fernsehschrank, einmal hatte sie sogar ein Plätzchen im Sofa mit Einstieg von unten.
Da sitzt sie dann ganz ruhig und behaglich und lässt sich durch Rufen, Rappeln und Suchaktionen nicht beeindrucken.
Irgendwann reckt sie sich und steigt irgendwo aus, wo wir sicher sind, schon fünfmal nachgeschaut zu haben.

Sie schafft sich ihren Raum, ihre Ruhe, ihre Zeit, ihre Behaglichkeit. Klug sind Katzen.