Nachtrag

Noch immer bei James Krüss:

Absoluter Genuß, „Mein Urgroßvater und ich“ und „Mein Urgroßvater, die Helden und ich.“ Helgoland, kluge Sprachspielereien, Geschichte und Geschichten. Schade, dass ich die Bücher noch nicht kannte, als die Kinder klein waren. Zum Glück sind viele der Gedichte und Geschichten im „Fliegenden Teppich“.

Ach, jetzt hat sich die Oberfläche hier wieder umgestellt… Mal gespannt, wie das gleich aussieht.

Ich lese viel. Neben rasch verschlungenen Neuerscheinungen und Fundstücken aus dem offenen Bücherschrank, alte Bücher, darunter viele Kinderbücher, bewege nachts die Handlung und die Hintergründe in mir, wenn ich wach liege. Timm Thaler. Warum hat er nicht gewettet, dass beide so schön lachen können, der Baron und er selber? Nele. In dem Buch, genau wie in „Timm Thalers Puppen“ wirkt der Baron so hineingewürgt. Dafür gefällt mir die Darstellung von Hamburg immer wieder gut in Krüss‘ Büchern. Noch besser, nachdem ich Hamburg dieses Jahr (unmittelbar vor dem Lockdown, Desinfektionsmittel war schon ausverkauft und das Reisen war unbehaglich geworden, weil die Menschen sich misstrauisch beäugten) gesehen habe. Eins meiner Krüss’schen Lieblingsbücher ist „Briefe an Pauline“.

Ich will mich nicht am allgegenwärtigen Thema festfressen, will in der Spirale weitergehen, und damit die Gedanken dazu sich nicht im Hintergrund weiterdrehen, will ich sie hier noch einmal aufschreiben. Dies tu ich für mich, es ist keine Aufforderung zur Diskussion, sondern ein Anschauen und Ablegen (ein bißchen wie in das pensieve von Dumbledore).

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Wir haben eine Pandemie, die nur aufgrund der geänderten Definition eine ist. Wir haben Tests mit einer Fehlerquote, die so viele falsch positive Tests hervorbringt, wie es derzeit positive Tests gibt. Schulen schließen, Menschen müssen in Quarantäne, dann stellt sich heraus, niemand war positiv, der Test war verunreinigt. Menschen, die Anfang des Jahres noch gereist sind, in Länder, in denen es gefährliche Erkrankungen gibt, die ehrenamtlich und mutig kranke Menschen besucht haben, Menschen, die ihr Leben lang erkältet, fiebrig, verrotzt und mit Magendarmerkrankungen zur Arbeit und Familienbesuchen gegangen sind, zum Einkaufen sowieso, oder zu Kulturveranstaltungen, ohne sich einen Gedanken darüber zu machen, dass sie jemanden mit schwachem Immunsystem gefährden (die stolz waren, niemals krank zu „feiern“, sie sagten, „stell dich nicht so an“, wenn man um Abstand gebeten hat, haben sich in einen Lockdown schicken lassen, tragen Stoffmasken im Gesicht, sperren ihre Kinder und ihre Alten ein. Die Kirchen verbieten erkälteten Menschen den Gottesdienstbesuch, man darf nicht mehr singen. Was im März und April vielleicht noch mit einer Angst aufgrund der Bilder aus China und Italien (die ja mittlerweile auch kritisch untersucht wurden, woraufhin die Panik sich als unnötig herausgestellt hat) erklärt werden konnte, ist nun zu einer selbstläuferischen Farce verkommen, ein perpetuum mobile eines Wahngeschehens. (Wahn ist ein starkes Wort, ich verwende es, weil die „Krise“ die zentralen Kriterien erfüllt: Die Menschen können nicht argumentieren, andere Meinungen und Fakten werden mit wahnimmanenten Stereotypen wie dem berühmten Pinkelbild oder „Bring Corona nicht zur Oma“ beantwortet. Die Betroffenen „wissen“, dass es eine gefährliche Seuche gibt, sie „wissen“, dass sie HeldInnen mit Maske sind, sie „glauben“ oder vermuten es nicht nur. Dies tun sie mit einer unumstößlichen Gewissheit, die sich aller Objektivität verschließt und die alle Lebensfreude, alle Neugier und alle normalen Lebensrisiken unmöglich macht. Sie leben so in einer Privatwirklichkeit, aus der sie FreundInnen, Verwandte, Gleichgesinnte, mit denen sie sich jahre- oder jahrzehntelang für wichtige Zwecke, gute Dinge eingesetzt hatten, radikal verbannen. Versuchen diese, den Kontakt, das Gespräch wiederherzustellen, fallen ungehemmt Schimpfworte, die so blindlings benutzt werden, dass es einen an ein Nilpferd erinnert, das kräftig mit dem Schwanz quirlt, während es seinen Kot absetzt: „Nazi, Eso, Mörderin, Aluhut, Covidiot“, CoronaleugnerIn, …“ Dabei ist ihnen völlig egal, ob sie wissen, dass die Beschimpften links, pragmatisch, sozial engagiert etc  sind, genausowenig wollen sie Kritik an unverhältnismaßigen Maßnahmen vom Abstreiten der Existenz eines Virus’ unterscheiden. Sie akzeptieren nur die Stimmen der „ExperteInnen“, die das Wahngeschehen bekräftigen. Bei denen stört keine aufgedeckte Mauschelei, kein Lobbyismus. Bei den kritischen ExpertInnen reicht schon, dass sie ja „nicht die Regierung beraten“, dass es „auf youtube sei“, dass sie alternativmedizinisch arbeiten, ….  Jedes Mitfühlen mit abgeschotteten Altenheimen, Kranken, die nicht besucht werden dürfen, Kindern, die viele Stunden lang im Schulbus, in der Schule, sogar auf dem Pausenhof die Masken tragen müssen ist ihnen verloren gegangen, sie kennen nur noch den einen Gedanken: „Tragt alle Masken, denn dann könnt ihr mich nicht anstecken!“ Mit was nochmal? Ach, mit der Krankheit, die wir nicht besonders bemerkt hätten, wenn nicht Politik und Medien seit über einem halben Jahr permanent auf sie aufmerksam machen würden. 

Nacht.

Die Tage sind merklich kürzer,
die Sternennacht beginnt früh.
Mondin strahlt halb und rötlich
Sternschnuppen malen Bögen
ans Himmelsrund.
Heiße Tage gleiten in warme Nächte
und erwachen zu frischem Morgen,
ich sammele Sommergefühle.

Und ganz magisch

fällt mir ein Foto in die Hand, ein Foto aus einem Buch. Nein, es ist nicht in dem Buch abgedruckt, es wurde hineingesteckt. Ich komme aus einer Familie, in der wichtige Papiere immer in Bücher gestopft werden. Wenn jemand stirbt, müssten die ErbInnen immer eine ganze Bibliothek schütteln. Nun ist aber gerade niemand gestorben, das Buch kam einfach auf dem Reiseweg zu mir. Und darin ein Foto mit Urgroßmutter Emma, Urgroßvater August, Großmutter Gertrud, Großtante Herta (eineiige Zwillinge die beiden, ich kann sie immer unterscheiden), ganz rechts im Bild der Bruder meines Vaters, der mit 15 starb, die Ärzte haben ihn nicht behandelt, weil er sicher Kirschen gegessen und Wasser getrunken hätte –  dann war es aber ein Darmverschluß. Auf dem Boden sitzen der nächste Bruder (ganz links, vor 2 Jahren gestorben), der Sohn meiner Großtante (2000 gestorben, in einem weiteren Buch lagen Zeitungsausschnitte mit seiner Todesanzeige, ich hätte das Jahr nicht mehr gewusst) und der jüngste Bruder, vor 3 Jahren gestorben – von allen lebt nur noch mein Vater, er ist der älteste Bruder. Wenn ich es so überschlage, muss das Foto aus der ersten Hälfte der 50er Jahre stammen. Nach den Jahren in Holstein war die Familie im Badischen angekommen.

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August

„August“ schreibe ich immer gerne aus, weil mir dann jedesmal der Apfelgarten meines Urgroßvaters August vor Augen steht, in Ostpreußen. Was dort, im ehemaligen Schittkehmen, wohl gerade los ist? Das Forsthaus, in dem ich mit meinem Vater bei unserer Reise 2011 wohnte, scheint ein idealer Wohnort.

Ansonsten genieße ich die Augusthitze, 40 Grad in Ostfriesland sind selten. Die Störche stehen schon in großen Gruppen auf den abgeernteten Feldern.

Spinnerin, Spinnerin, wo spinnst du deinen Faden hin?

Schnitterin, wo und wann setzt du deine Sense an?

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Ich lese, was mir gerade aus den Regalen in die Hände springt, gestern und heute war das: „1000 Namen für Freude“ von Byron Katie (hat sehr gut getan, diese Erinnerung an The Work), „Kalle Blomquist, Eva-Lotte und Rasmus“ von Astrid Lindgren und „Der Mann mit den Kupferfingern“ von Dorothy L. Sayers, eine brillante Kurzgeschichtensammlung um Lord Peter Wimsey.

 

Oh.

Eine Freundin berichtet, dass der Vater ihres Exmannes gestorben ist und sie trotz des abgebrochenen Kontaktes Trauer empfindet. Aus einem Impuls, dessen Ergebnis ich schon fühle, bevor ein Ergebnis da ist, suche ich nach dem Namen der Mutter meines Exmannes und finde, sie ist im März gestorben, in der ersten Woche des Lockdown. Ein anrührendes Bild von ihr (mit 92 Jahren sah sie noch ganz so aus wie die Frau, die ich 1987 kennenlernte) mit einer Dackelhündin auf dem Arm, die auch als erste in der Traueranzeige genannt wurde. Mein Exmann ist letztes Jahr gestorben, sein Vater ein paar Jahre zuvor. Sie wäre die einzige Person aus der Familie gewesen, die ich gerne noch einmal gesprochen hätte, das war kein leichtes Leben. Ob sie mich mal gemocht hat, weiß ich nicht, die Familie war so durch den tyrannischen Vater dominiert, dass viele Kontakte gar nicht zustande kamen, ein typisches Bild des Patriarchats. Ich hoffe, der kleine Hund ist gut untergekommen und ich hoffe, sie musste nicht maßnahmenbedingt alleine sterben. Und, nachdem ich in den letzten Nächten so schon viel Vergangenheit abgeträumt habe, rechne ich mit einem weiteren Traum.

Wie singt der Drache Koks im Ritter Rost? „Es ist schon lang, es ist schon lang, es ist schon lang vorbei.“

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Sonne und Nachtfee (Illustration aus meiner alten Ausgabe von Peterchens Mondfahrt)

 

Ich konnte nicht schlafen

und habe mir deswegen überlegt, wie es wohl mit Heidi weitergegangen sein könnte. (Neulich hatte ich ja Spyri-Lesetag.) Da ist Heidi, im Original permanent „das Heidi“ genannt, wieder bei ihrem Großvater. Klara kann laufen und wird sie mit der Großmama einmal im Jahr besuchen. Der liebe Doktor hat das verfallene Haus gekauft im Dörfli und richtet es her, inklusive Winterquartier für Heidi und den Öhi. Die blinde Großmutter bekommt das Bett aus Frankfurt, und der Geißenpeter kann ihr notfalls was vorlesen.

Als Happy End fand ich es so mitten in der Nacht auf einmal sehr, sehr dünn. Heidi ist etwa 10 Jahre alt am Ende des zweiten Bandes, der Geißenpeter 16 (da muss die Autorin sich am Anfang irgendwie im Alter vergaloppiert haben, denn dass er da noch in die Schule geht, wäre eher unwahrscheinlich). Wie könnte es weitergehen? Was wird Heidi in der Pubertät erleben? Nur den Tisch in der Hütte blankputzen und unter den Tannen herumhüpfen wird nicht genügen, und mit dem Peter täglich in die Bergeinsamkeit mag ich sie auch nicht mehr schicken, vor allem, weil er sie ohnehin schon als sein „Gut“ ansieht und unter mangelnder Impulskontrolle leidet.

Also: Der gute Doktor will sie ja „in alle Kindesrechte“ eintreten lassen (damit sie ihn später einmal pflegt), also ist sie finanziell abgesichert. Ich denke mir, ein gutes Internat in Basel sollte sich machen lassen. Dort lernt sie andere Mädchen kennen, anderes Essen (das in Frankfurt mochte sie ja vor lauter Heimweh nicht, aber in dem Internat werden ihr die Dinge, die nicht aus Ziegenmilch sind, schon schmecken, sie kann Gemüse und Salat und Obst kennenlernen…) und anderen Schulstoff als der Zwergschullehrer im Dörfli in die Köpfe hineinbugsieren kann. Dort werden sie merken, wie klug „das Heidi“ ist und sie auf die Idee bringen, Lehrerin zu werden – wenn dann der alte Lehrer in Pension geht, kann sie im Dörfli unterrichten (dass sie von dort weggeht, kann ich mir noch nicht vorstellen, vielleicht in einer der nächsten Nächte).

Außerdem machen Sesemanns natürlich kräftig Reklame für Gesundwerden in den Schweizer Bergen – wenn dort sogar Klara wieder Laufen lernen konnte, wie gut wird dann ein Aufenthalt allen gestressten, ausgebrannten, müden, sonnenentwöhnten Großstädtern tun! Heidi und der Öhi ziehen also auch im Sommer ein, zwei Monate ins Dörfli in das renovierte Haus und vermieten ihre Almhütte mit Ziegen und Heulager zum Schlafen an die ersten Touristen. Und (darauf bin ich ganz stolz) so ist auch der Peter gut versorgt (was hätte er sonst werden sollen – ewiger Ziegenhirt, immer bettelarm, Tagelöhner, nein, wie es denen ging, wissen wir ja aus Gritlis Kinder und aus dem Rosenresli): Er macht den Hausmeister, zeigt den Fremden, wie man Ziegen melkt, nimmt sie mit auf die Weide, seine Mutter kann im Haushalt zu Hand gehen, so haben sie ein Zusatzeinkommen, und der Peter muss sich zusammennehmen und kein fremdes Eigentum den Berg hinterstoßen oder die Ziegen grundlos mit der Rute schlagen.

Als schönes Schlußbild, bei dem ich dann wieder einschlafen konnte, stellte ich mir vor, wie Heidi Klara in Frankfurt besucht, als sie vielleicht die Prüfung als Lehrerin gerade bestanden hat, vielleicht anlässlich Klaras Verlobung, und Fräulein Rottenmeier auf deren neugierige Nachfrage, warum sie denn Lehrerin werden wolle, deutlich sagt, sie habe als Kind erfahren, wie man Kinder auf keinen Fall behandeln dürfe und wolle dies nun anders machen.

Ja, so etwas denke ich, wenn ich mal wieder nicht einschlafen kann.

 

Ebenenwechsel.

Ob wir es schamahnisch nennen oder Geistheilung oder Symbolarbeit –  wie auch immer, es bleibt uns nichts anderes übrig. Auch das ist keine Neuigkeit, fällt aber gerade wieder besonders auf. Also, ihr Lieben, ihr Freundinnen, ihr Gefährtinnen, tun wir es, jede auf ihre Weise, zur Schnitterinnenzeit im Hochsommer.

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Hochsommer

Hängematte
Fahrrad
Tomaten werden rot
Bruschetta
Gras unter meinen Füßen
morgen vielleicht schwimmen

Hesse-Gedichte klingen in mir an –
„Dann muss ich meiner Freunde denken
und meinen Blick in ihre Blicke senken
und frage jeden still allein, bist du noch mein?
Ist dir mein Leid ein Leid, mein Tod ein Tod,
spürst du von meiner Liebe, meiner Not
nur einen Hauch, nur einen Widerhall?
Und ruhig liegt und schweigt das Meer
und lächelt „nein“
und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.“

Zum großen Glück gibt es auch andere.

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