
Zwischen Froschgesang und Kuckucksruf blühen die Wiesen und leuchten die Bäume in Maigrün. Ab morgen schau ich mir das für ein paar Tage am Neckar an, ich fahre in die schöne alte Stadt.

Zwischen Froschgesang und Kuckucksruf blühen die Wiesen und leuchten die Bäume in Maigrün. Ab morgen schau ich mir das für ein paar Tage am Neckar an, ich fahre in die schöne alte Stadt.
Ich schlafe gerne und gut dabei ein, wenn ich mir vorstelle, ich fahre im Orientexpress (Agatha Christie halt…) und draußen schneit es, der Zug stampft, ich ziehe mir die Decke über die Ohren oder aber ich sitze im oberen Bett und schaue aus dem Fenster und im Bett unter mir sitzt eine weise Frau, der ich Fragen stelle.
Ich gehe barfuß und leise durch den Garten, um den See
und zwischen meine Schritte
fallen synkopenartig Silben aus Liedern und Gedichten
wie der Duft des Weißdorns und der warmen Erde.
„Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“, singt es in mir,
„Ich bin zuhause zwischen Tag und Traum“
und „bist du noch mein, verzauberte Welt“.
Neue, kleine Spinnerinnen werden geboren, der Faden reißt nicht ab.

Everyone has moments. Momente zum Innehalten. Das ist doch das Leben. Die Bilder, die ich sehe und höre und fühle. Die Schafe auf dem Deich. Das Schnurren meiner Katzen und ihr Fell an meiner Wange. Die weichen Hühnerfedern, wenn alle zum Gute Nacht Sagen auf der Stange sitzen. Das Haar meiner Kinder. Die Erde unter meinen Füßen. Die Abendluft, die nach Heu, Beet, Flieder und Verheißung riecht. Die Gespräche mit Schafgarbe undGänseblümchen. Das Lachen mit meinem Mann. Immer noch, nach so vielen Jahren dieses plötzliche, zwinkernde Lachen. Alles ändert sich. Nicht. Niemand badet im selben Fluß zweimal. Komische Weisheit für die, die gerne an der gleichen Stelle in immer anderem Wasser badet.
Als Sam Gamdschie unter dem Fenster von Herrn Frodos Arbeitszimmer lauschte und hörte, wie Gandalf der Graue Frodo von der Gefährlichkeit des Ringes und von der Notwendigkeit, ihn nach Mordor zu bringen, um ihn in die Schicksalsklüfte zu werfen, erzählte, legte er seine Rasenkantenschere ins Gras und rannte zur weisen Ahne, die in einem Häuschen unter Heckenrosen im Schatten der Holunderin wohnte. Sie hörte seinen aufgeregten Bericht an, zuckte die Achseln und sagte: „Ich dachte mir so etwas, als schon Bilbo Beutlin gar nicht altern wollte und Frodo nun auch anfängt, so konserviert auszusehen. Sie sind von dem Ring so besessen, dass sie die Spuren des gelebten Lebens nicht zeigen, die sonst in Hobbit- wie Menschengesichtern entstehen. Bring mir den Ring am besten her, Sam.“ „Ich glaube nicht, dass ich ihn Herrn Frodo abnehmen kann.“ Sams Stimme wankte. „Na gut“, sagte die Ahne, „dann komme ich mit dir. Dabei kann ich direkt ein Wörtchen mit diesem alten Zauberer reden, der immer mit einer Kopie von Gannas Stab herumfuchtelt.“ Sie lehnte den Reisigbesen, der außen neben ihrer Türe gestanden hatte, in der Küche an die Wand, zog die Haustür hinter sich ins Schloß, öffnete sie noch einmal, da ihre Katze Karla ins Haus wollte, und ging mit dem hinterhertrottenden Sam zügig auf Beutelsend zu. Im Arbeitszimmer waren Gandalf und Frodo immer noch tief ins Gespräch versunken und schmiedeten gefahrvolle, düstere Pläne, um den Ring aus dem Auenland fortzubringen. Sie schraken zusammen, als die weise Ahne das Zimmer betrat. Gandalfs Nackenhaare richteten sich auf, er spürte die Präsenz von etwas Größerem. Dann legten sie sich wieder an, die Präsenz war nicht unangenehm. Ohne sich mit einer Einleitung aufzuhalten, streckte die Frau die Hand aus und sagte mit ihrer ruhigen Stimme „Ich bin die Mutter der Mütter und gekommen, um euch zu helfen. Gib mir den Ring, Frodo. Ich will ihn dir für die Reise einpacken.“ Gandalf bewegte sich unruhig auf der Stuhlkante. „Es ist eine dumme Idee, einen Ringträger loszuschicken, während der Ring ihm wie ein Magnet für alle bösen Kräfte um den Hals baumelt.“ Frodo löste zu seinem eigenen Erstaunen den Ring vom Kettchen, an dem er in seiner Hosentasche hing, und reichte ihn der Ahne.
Sie nahm den Ring in die Hand und zog einen Klumpen Harz aus ihrer Tasche, weichgeknetet und warm und rötlich getönt. „Das ist Harz der Tanne aus meinem Garten, ab und zu sammele ich die Tropfen, die sich an ihrem Stamm zeigen. Es ist verknetet mit dem Blut, das ich bei meiner letzten Blutung aufgefangen habe.“ Gandalfs Nackenhaare stellten sich wieder auf. Als die Frau anfing, das Harz sanft zu kneten und dazu kehlig zu summen, dann zu knurren und zu zischen, schließlich einen jodelnden Gesang anstimmte, der den anderen vertraut vorkam ohne ihnen wirklich bekannt zu sein, durch den sie spürten, dass die Erde selbst zuhörte und ihre Kraft mit der Sängerin teilte, sahen sie zu, wie der Ring in das Harz gebettet wurde, von ihm umschlossen, darin gewendet und bewegt, bis er darin lag wie eine Fliege, die seit Millionen von Jahren im Bernstein liegt, nur unsichtbar, denn das Harz war nicht klar. Noch immer summend nahm die Ahne einen Leinenbeutel aus ihrer Tasche, der an einer stabilen Kordel hing und gab den Harzklumpen hinein, nachdem sie einmal kräftig auf ihn gespuckt hatte. Dazu steckte sie eine getrocknete Holunderblüte, eine Krähenfeder („Erzählt mir nicht, Krähen wären Spione irgendwelcher Feinde – Krähen sind kluge, neugierige Vögel, die das menschliche Treiben beobachten und sich sicherlich ab und zu wundern, Vögel, von denen ihr viel lernen könnt. Wie von allen Wesen, denen ihr unterwegs begegnet. Auch du, Zauberer. Der einzige von eurer Zunft, der das begriffen hat, ist Radagast. Wenn ihr ihn seht, könnt ihr ihm sagen, ich würde mich über seinen Besuch freuen.“) und einen kleinen Kristallsplitter. Dann zog sie den Beutel zu, verknotete die Schnur und schwang den Beutel an der Kordel ein paarmal im Kreis herum.
Nun reichte sie ihn Frodo, der ihn sich verdutzt umhängte. Dann brach er mit Sam auf, um ungehindert den Ring zum Orodruin zu bringen, während die Ringgeister sich orientierungslos herumtrieben, Sauron einen Zusammenbruch erlitt und die Elben in Bruchtal verwundert begannen, Lieder über die plötzlich und unerklärlich verschwundene Gefahr zu singen. Die einzige, der den Ring noch wahrnehmen konnte, in seinem Säckchen im Harz, war Goldbeere, aber die hat es nicht einmal Tom Bombadil verraten.
Ich sitze im Ohrensessel und entspanne. Das heißt, ich hatte es vor. Im Gästezimmer läuft erstaunlich laute Musik aus den Handys der Austauschschüler. Zwei Handys, zweimal unterschiedliche Musik. Der Nachbar schraubt in der Garage. Die Waschmaschine piept. Anstatt mich wegen der fehlenden Filterung in irgendeine Schublade zu stecken, gehe ich einfach die Wäsche aufhängen. Irgendwie ist unser Haushalt gerade ein ziemlich vielarmiges Dings.
Als ich eben nach Hause kam, reichte der Nachbar ein Päckchen über den Zaun. Die Reisetasche mit Rucksackfunktion ist gekommen. Brauner Canvas, Rucksackriemen, 2 Tragegriffe (einer für längs, einer für quer) und ein Umhängegurt. So ein praktisches, hübsches Teil, das mag ich.
Gestern habe ich mich von einer großen Liebe verabschiedet. Franz-Josef Degenhardt. Im Auto hatte ich seit langem wieder einmal eine CD von ihm gehört (Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen), und nachdem ich sie zweimal habe durchlaufen lassen, habe ich angehalten und sie weggeworfen. Als symbolische Handlung. Es wird immer noch Melodien und Texte geben, die ich summen, singen und zitieren werde, so zwischendurch, ich werde auch nicht alle CDs entsorgen, aber die Identifikation mit der ganzen Szene, die für mich an Degenhardt hängt, war schon lange vorbei, ich hatte nur vergessen, darüber nachzudenken. Dieses patriarchöse Kämpfen, die Wahrnehmung von Frauen (nicht nur bei Degenhardt, da ploppen natürlich auch die Erinnerungen an meine Jahre bei den Grünen auf), das geht gar nicht. Der Punkt, an dem es beim Hören eindeutig und radikal Klick machte, war „Die Ballade von der schönen alten Stadt“ in der Version, in der er aus der listigen Lehrerin auch noch einen listigen Lehrer gemacht hat. Als ich das hörte, stand ein Reiher neben der Straße im Wasser. Dann flogen mir einige, ganz verschiedene, Vögel fast vors Auto, und als ich auf der CD beim Bauernführer Joß Fritz angekommen war, bei dem Frauen hauptsächlich dazu da sind, um „an die Punze gefasst“ zu werden, stieß unmittelbar neben mir ein Falke ins Gras am Straßenrand. Da war es dann klar.

„The only thing I shall want for a rainy day will be my umbrella,“ said Miss Marple.
In dem Moment, wo ich das schreibe, scheint allerdings eine klare, strahlende Morgensonne auf Tulpen, Kirschblüten (die kleine Kirsche direkt neben der Haustür blüht noch) und Schleifenblumen und auf die vielen, vielen Gänseblümchen auf der Wiese. Kann sich jederzeit ändern, schließlich ist April. Auf ein politisches Statement habe ich keine Lust. Ich lese „Mongolian Mystery“ von Serge King.

fürs Wochenende (Wochenende diesmal auf So/Mo verschoben, daher habe ich noch nicht angefangen). Eins ist ein Geschenk, das andere ein Fund aus dem offenen Bücherschrank.
Vorstellung, wie ich in der blühenden Natur am See sitze und lese. Hach.
