Ich habe in meinen Unterlagen nach etwas ganz anderem gesucht und die Fotos von Kos gefunden. 8 Jahre ist es her, 8 Jahre und 3 Monate, seit wir in einem griechischen Wäldchen diese Schildkröte trafen. Ich stelle mir vor, wie sie weiter dort lebt, kaum älter geworden ist, bei Schildkröten geht das langsam, und wie sie sich wahrscheinlich nie an die flüchtigen Menschenwesen erinnert, die ein flüchtiges Picknick in ihrem Revier hielten und sich dabei so wichtig nahmen.
Luisa Francia schreibt heute in ihrem Blog „Es ist doch so: die politiker reden jetzt alle über klimaschutz und naturschutz, aber jeder kleine dorfbürgermeister kann die natur fast beliebig zubetonieren, ohne dass jemand wie söder, der neue „grüne“, mit der wimper zuckt. Wer getreide für eine biogasanlage anbaut ist für mich gar kein bauer, den es zu schützen oder gar zu unterstützen gilt, der ist ein industrieller, ein nahrungsvernichter.“ Ja, so ist es leider wirklich. Auch die, die Tiere in diesen Folter-Mastanstalten halten, die diese tierquälerische Milchwirtschaft betreiben, sind nicht schützens- und subventionierenswert, sondern müssten im Gegenteil solange Strafe zahlen, bis sie komplett auf artgerechte Haltung umgestellt haben. Wer alle alten Bäume an den Fehnkanälen abholzen lässt, um das historische Bild wieder herzustellen, ist dumm, denn „historisch“ wurden an diesen Kanälen Boote gezogen, das macht heute kein Mensch mehr, da können teilweise nicht einmal mehr Paddelboote fahren. Da merken wir wieder, wie die Leute auf bestimmte Begriffe hereinfallen: „Bauer“ oder „Landwirt“ ist fast so heilig wie „Arzt“ (wie sagt der Riesenvater in der Ballade: „Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot!“), „historisch“ oder „klassisch“ kommt gleich hinter „heilig“ und „Tradition“ oder „Brauchtum“ noch kurz davor.
Ich gehe jetzt in den Sommermorgen hinaus, mache den Hühnerstall sauber und gieße die Tomaten. Kontrapunkte.
Der Hund jault mich um 5.30 Uhr raus, ich laufe durchs feuchte Gras unter dem zarthellem Morgenhimmel. Lege mich dann wieder hin und schaffe es, noch einmal einzuschlafen und träume. Diese Morgenträume sind immer sehr lebendig, bunt und kraus. Heute defiliert eine katholische Prozession an mir vorbei, in leuchtenden Farben in verschiedenste Gewänder gekleidete Menschen jeden Alters. Als ich schon das Lila am Ende des Zuges sehen kann, drehen sie um, ich laufe schnell an ihnen vorbei, um mir alles anzuschauen. Szenenwechsel. In irgendeinem Raum ist Chaos, jemand schreit mich an, auf einem Tablett liegen Sachen, die auf keinen Fall umfallen dürfen. Er packt das Tablett und will es nach draußen stellen, dabei fällt es ihm aus der Hand und was immer nicht kippen durfte, ergießt sich über das ganze Tablett, ein Notizbuch kann ich gerade noch retten, dann sitzen wir irgendwie in diesem Getrümmsel, das nicht alles von dem Tablett heruntergefallen sein kann. Er schreit: „Was ist jetzt mit deinem blöden Drüberbleiben?“. Ich merke, wie ich mich verbinde. Der Schritt zurück, die Vogelperspektive, das Drüberbleiben, das sich und alles nicht so wichtig Nehmen. Sitze im Chaos und spüre Seligkeit. „Danke fürs Erinnern.“, sage ich. Szenenwechsel. Ich gehe einen langen Flur entlang, Spielzeug liegt verstreut, ich hebe einen Würfel auf, größer als üblich, fühlt sich an wie aus Kunstharz, leuchtet ein bißchen. Ich kullere ihn mit Schwung den ganzen Flur hinauf und als ich ihn wieder erreiche, leuchtet oben die Sechs. Und dann begegne ich noch einer Fuchsfamilie, einer schönen, großen Füchsin mit ihren Kindern.
Peñalba, hier haben wir das Drüberbleiben geübt, danke Gerda.
Wir sind gepaddelt,
in der Mittagssonne
zwischen Schlammbänken
auf stillem Wasser,
eine Weile begleitet uns eine Ente.
Keine Kamera dabei,
kein Handy.
Nicht knipsen,
schauen und hören und merken,
das Geräusch der Paddel,
leichten Wind im Gesicht,
Wasserspritzer auf meinen Beinen,
die Brise, die das Mädesüß bewegt,
den Sommerduft.
Ein Tag wie ein Geschenk.
Du und ich, endlich wieder mal.
Vor 14 Jahren und 2 Monaten lebte ich mit einer sich gerade gründenden Praxis, einem 100 Stunden die Woche arbeitenden Mann, 3 Kindern (1,3,4 Jahre alt) und zwei tiefentspannten Katzen und beschloss, eine Hündin würde dieses Bild prima abrunden. Also fuhr ich zu einer Pflegestelle eines Tierheims, die mir versichert hatte, diese Hündin sei kinderlieb, katzenverträglich, führe gerne Auto und sei stubenrein. Ich nehme an, „kinderlieb“ hat nur gestimmt, weil meine Kinder extrem tierverträglich sind. Es war alles gelogen. Vela hat im Auto gekotzt und geschäumt wie verrückt, bis wir Merlin bekamen und sie merkte, dass es Hunde gibt, die gerne Auto fahren. Sie biss als erstes den Kater in den Schwanz, so dass ich mit den Kindern im Schlepptau zum Tierarzt fahren musste (natürlich saß im Wartezimmer der eine Spaßvogel, der immer da sitzt und sagte: „Hier ist aber kein Kinderarzt.“) Und stubenrein war, sie, nachdem ich 6 Wochen lang mit ihr alle 2 Stunden, Tag und Nacht, rausgegangen bin, wie mit einem Welpen. So habe ich zum erstem Mal im Leben wirklich ausgiebig einer Nachtigall zuhören können. Vela hat mich durch schwierige Zeiten begleitet. Wir waren wandern und schwimmen, wir trafen Hunde und Menschen. Wir lernten. Wir kuschelten. Sie lernte, die Katzen (und dann noch weitere) zu tolerieren. Sie fuhr in Urlaub und schwamm in der Ostsee, nachdem sie 4 Jahre lang komplett wasserscheu gewesen war, sie hatte Freunde und schlief jahrelang im Kinderzimmer in einem Hochbett. In den Alpen machte ich ihre Leine ab, um eines der Kinder anzuseilen. Meist war sie, wenn ich mich nach ihr umschaute, unmittelbar neben oder hinter mir unterwegs. Junge, ungestüme Hunde mochte sie nicht. Nur Merlin. Als ich beschlossen hatte, ihn zu uns zu holen, war Vela schon ungefähr 9 Jahre alt. Das Tierheim wollte, dass wir alle kommen, um ihn kennenzulernen. Vela ging in das abgezäunte Stück mit Baby-Merlin und gab ihr OK. Da stieg er mit uns ins Auto und seitdem wurde Vela beim Autofahren nicht mehr übel. 8 Jahre lang, bis heute, war sie Merlins Respektsperson, und er war überwältigt, wenn sie mit ihm spielen wollte. Jetzt kommt er und wuschelt seinen dicken Kopf an mich heran und will mich trösten. Er ist vielleicht ein Kindskopf aber kein dummer Hund. Heute Mittag ließen wir Vela gehen. Seltsamerweise kann ich bei Tieren diesen Quatsch von der Regenbogenbrücke total annehmen und mir vorstellen, wie Vela am anderen Ende Hillu und Oskar trifft („Ach, die schon wieder!“) und York, mit dem sie gleich wieder spielt. Sie wollte nie etwas, das sie apportiert hatte, freiwillig hergeben, ließ sich aber von den Kindern das Futter mit der Hand geben, auch als sie noch ganz klein waren. Sie mochte keine fremden Männer und liebte meine Freundinnen. Wenn die Pflegestelle nicht auch da gelogen hat, kam sie aus Spanien und hatte ein, zwei Jahre auf der Straße gelebt. Sie war eine sehr große, kleine Hündin. Und ich muss viel mehr weinen als ich erwartet hätte.
Das Buch ist genauso alt wie ich. Ich habe es jetzt auf dem Dachboden wieder ausgegraben. In meiner Erinnerung gehört es zu einem Buch über den Zirkus, in dem ich heftig herumgemalt habe, sobald ich einen Stift halten konnte, und zu einem Buch über zwei Kinder auf dem Jahrmarkt. Diese Bücher hat meine Oma, die Mutter meiner Mutter, in Gelsenkirchen mit mir angeschaut, vor und nach dem gemeinsamen Mittagsschlaf. Außerdem hat sie mir noch beigebracht, mit einem Strich, ohne abzusetzen, einen Vogel zu zeichnen, einen Specht.
Ich dachte immer, wie unrealistisch, darin kommt eine schaukelnde Katze vor – und dann kam Mark Easterbrook, der die Hollywoodschaukel liebt und selber Schwung gibt.
Die Lebensspirale ist Realität. Manche Dinge begegnen uns immer wieder. Linear und eindeutig ist gar nichts. Stimmungen und Themen sind manchmal einfach da und später klärt sich, was dahinter lag.
Ich fahre ins Sauerland, eine spontane Idee, nach vielen, vielen Jahren wieder einmal im Ort der Kindheit zum Schützenfest zu gehen (nur samstags und das war schon fast zu viel katholische Folklore), und höre dort, dass jemand gestorben ist, mit dem ich noch ein Ablöseritual offen hatte. Das konnte ich nun heute machen.